|
BARFUSS, NACKT, HERZ IN DER HAND ein Stück von All Jalaly
22.02. Theater Fletch Bizzel
Darsteller: Issaka Zoungrana
Regie: Barbara Duss
Böse Geister vertreibt man mit Knoblauch
von Hanna Litwiniuk-Zboinska
Es ist die Geschichte vom einfachen Leben, die Ali da auf der Bühne erzählt- von einem Leben, das kaum jemanden im westlichen Europa zufrieden stellen würde. Es ist in Arbeit, Familie und Häuschen aufgeteilt. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.
Für den verwöhnten, nach Erfolg und Höhenflügen strebenden Westeuropäer fällt diese Lebensweise minimalistisch aus. Da fehlt ein Stück Selbstverwirklichung und Individualismus. Wir hier machen es doch ganz anders, wir sind ja schon viel weiter.
Meinen wir jedenfalls.

Doch für Ali, der nun seit 25 Jahren in Deutschland lebt, ist es ausreichend und beglückend mit Frau und Kindern in den Tag hinein zu leben. Tag für Tag kehrt er von der Arbeit in sein Häuschen zurück, findet die gewohnte Sicherheit im Familienleben, begrüßt seine Nachbarin - die ALTE FRAU am Fenster, kümmert sich auch um sie. Ali berichtet ganz selbstverständlich von diesem Alltag, ohne Scham fürs Gewöhnliche und ohne Zweifel an das Richtige. Basics halt.

Ein Stück Sehnsucht überfällt mich immer wieder. Ich schwanke zwischen Rührung und leisem Schmunzeln für Ali's naive Lebenserwartung und dem Wunsch die Hetze des eigenen Alltags abzulegen, sich mit weniger zufrieden zu stellen, loszulassen. Ein philosophischer Disput zwischen MIR und MIR bahnt sich an.
Zwei Stunden lang monologisiert Ali auf einer "nackten" Bühne. Nicht schmückt den Raum. Keine Dekoration, keine Effekte, keine Zerstreuung für die Sinne. Ali steht barfuss auf den Brettern des Theaters, streckt sein "Herz in der Hand" zum Zuschauer hin und erzählt, lacht, tanzt, wird nachdenklich, stellt Fragen, die wir uns nicht mehr stellen. Warum ist die ALTE FRAU so alleine? Sie hat doch Kinder! Wo sind sie denn? Warum heiratet sein Arbeitskollege nicht? Ein Mann braucht Frau und Kind. EIN MANN IST DREI- meint Ali. Ist doch selbstverständlich, oder?
Ali glaubt an böse Geister. Die vertreibt er mit Knoblauch und weiß, dass sie weichen. Die Menschen können ihm nichts antun. Er ist in der Arbeit beliebt, hat nette Nachbarn und die ALTE FRAU. Doch es kommt anders als man denkt. Die bösen Geister, gekleidet in Springerstiefel und kahl rasiert setzen sein Haus in Brand.
Es stinkt.
Seine Frau und sein Sohn sterben.
Er ist nicht mehr DREI.
Ali klagt nicht.
Er ist traurig.
Ich auch.
Text: Hania Zboinska
Alle Fotos: MISCHA POPLAVSKI
|