Stanislaw W. Szroborz
  De Profundis

  Maria Kantor - Lizuniec
  Ihre geträumte Welt


  Stanislaw W. Szroborz
  Stadtansichten - Synergie

auf deutsch

 

Maria Kantor - Lizuniec

Maria Kantor - Lizuniec, 1925 in Grodno geboren, feiert in diesem Jahr ihr 50 - jähriges Künstlerjubiläum. Es ist ein umfangreicher Ertrag, voller imposanter Werke. Ihre Bilder und Gobelins schmücken Museen und private Sammlungen in der ganzen Welt.
Sie wohnte viele Jahre nebenan, in Herne. Seit kurzem zog sie in ihre Heimatstadt Krakau zurück. Der Kontakt mit ihrer Kunst war für uns immer etwas besonderes, außergewöhnliches, besänftigendes. Wir vermissen sie, ihre Kunst und das wundervolle Atelier.
Wir möchten ihnen einen Bruchteil dieses Schaffens vorstellen und sind uns dessen bewusst, dass die dargestellten Fotografien nur unvollkommen und unzureichend den Reiz und die Magie ihrer Arbeiten vermitteln. Wir stellen ihnen auch zwei Texte vor, die sowohl die Künstlerin Maria Kantor - Lizuniec als auch ihre Persönlichkeit beschreiben.

Maria Kantor-Lizuniec und ihre geträumte Welt

Ich habe eine sehr dankbare Aufgabe. Ich darf über eine außergewöhnliche Künstlerin sprechen. Da uns Freundschaft verbindet so sei es mir auch gestattet subjektiv und ganz persönlich zu erzählen, sie mit dem Herzen zu beschreiben.
Ich lernte Sie vor einigen Jahren kennen. Damals verfasste ich einen Artikel über sie und ihr künstlerisches Schaffen. Wir führten ein kurzes Telefongespräch. Ich bat Sie um biografische Informationen und Ausstellungskataloge sowie um ein Foto, damit ich mir ein Bild von ihr machen konnte, denn das Innere offenbart sich oft für den Betrachter im Gesicht, im Blick und in der der Körperhaltung.
So schickte sie mir ein Päckchen mit dem nötigen Material. Das gewünschte Foto lag bei, doch es erstaunte mich und brachte zum Nachdenken. So sah ich eine Frau im Halbschatten mit dem Rücken zum Betrachter, in die Ferne schauend. Sie verbarg ihr Gesicht und verwehrte mir den Blick in die Augen. Sie lenkte geschickt von sich ab und richtete meine Aufmerksamkeit auf das Wesentliche - auf ihre Kunst. Es faszinierte mich wie leise und subtil sie eine wichtige Botschaft ohne Worte vermitteln konnte. So fühlte ich mich auch eingeladen und fuhr nach Herne. Versteckt in einer grautönigen Umgebung lag ihr Hinterhausatelier, wo Farbe blühte und das scheinbar Unbewegliche dynamisch erschien. Da begegnete ich einer Künstlerin, zierlich in Gestalt und zurückhaltend in ihrer Art. Ihre äußere, fast schon schüchterne Erscheinung war eher eine Ablenkung, ein Vorwand um den nötigen Raum für die Kunst zu schaffen. Sie hielt sich zurück und ließ die Bilder sprechen. Ohne Hinweise, ohne Erklärungen, ohne Worte hoffte sie auf eine tiefe Kommunikation mit dem Betrachter. Geschickt herangeführt ließ ich mich auf dieses Angebot ein, entzog meinem analytischen Verstand seine Dominanz und machte mich frei für den Empfang ihrer plastischen Erzählungen und wurde hineingerissen in eine sinnliche Erlebniswelt.
Seit diesem ersten gemeinsamen Treffen sind nun einige Jahre vergangen. Ich ahnte damals nicht, daß sich aus dieser kurzen Begegnung eine Freundschaft und Faszination entwickeln wird, wie sehr ich von ihr und ihrer Kunst eingenommen werde. Ich bin dankbar für diese besondere Begegnung, für bereichernde Erfahrungen und erholsame Stunden im Atelier, bei Kerzenlicht, Wein und leckeren Schnittchen. Ich komme gern immer wieder zurück, darf bleiben und mich von der Welt erholen. Einfach so. Marias Erzählungen sind besonders und anders. Es ist keine Prosa und keine Lyrik. Sie setzt weder Kommas noch Ausrufezeichen. Es gibt keine Sprache und keine Übersetzung. Es gibt Traumgeschichten, kurze Aufnahmen eigener Fantasie und Wahrnehmung, die auch ohne Worte auskommen und beeindrucken. Maria Kantor-Lizuniec stellt ihre Träume aus; zum Nachfühlen und Nachdenken und vielleicht auch als Hoffnung, denn Träume können uns in trüben Zeiten Trost spenden und vor Verzweiflung bewahren. Sie erzählt mit Farben ihre Phantasien und Erlebnisse. Sie mögen noch so ernst und bedrückend sein, es gibt stets eine Lichtquelle, die hoffen lässt. Mit geschickter Hand setzt sie ihre geträumte Welt in Sichtbares um, und lässt uns daran teilhaben. Es ist blau in ihren Träumen, himmlisch und beruhigend blau.
Sie entflieht aber nicht der Realität, bleibt hier und jetzt und betrachtet die Welt im Detail. "Das Sehen hat Vorrang vor den Dingen" meint Maria und entdeckt für sich und für uns das Verborgene. Dann erzählt sie schweigend ihre Geschichten. Sie weiß, dass sie sichtbar werden. Sie atmet die Welt ein und mit dem Ausatmen fliesen paradiesische Farben, ohne Zwang und ohne Zögern. Sie malt entschieden, voller Vertrauen in die eigene Wahrnehmung. Deshalb gibt es auch keine Skizzen, Studien und Entwürfe. Sie schaut, sieht, spürt und verwahrt ihre Impressionen manchmal über Monate bis sie dann ungezähmt mit Leichtigkeit und Schwung ausbrechen. Und dann entstehen großformatige Werke, ganz im Kontrast zu der kleinen zierlichen Frau, die sie erschaffen hat. Die Fülle der Eindrücke, der Reichtum der Farben lassen sich nicht in filigrane Bilder einpacken und unterdrücken. Sie hat viel zu erzählen, viel zu viel um es als Miniatur zu beschneiden. Sie geht ihren künstlerischen Weg unbeirrt, seit Jahren, ohne sich dem Druck, der Nachfrage des verwöhnten Kunstmarktes zu beugen. So ist ihre Kunst auch einzigartig, unverwechselbar original und glaubwürdig. Es sind Bilder die man gern zu Hause aufnimmt und zu alltäglichen Begleitern macht. Es ist schon beeindruckend, dass wir an Ihren Träumen teilhaben dürfen, dass kein Wort fällt, und doch so vieles gesagt wird; farbig, großzügig und doch ganz fein, wie sie selbst.


Hanna Zboinska




Maria Kantor-Lizuniec

Vor 22 Jahren schrieb Alexander Kraft, Prinz zu Hohenlohe-Oehringen:
"Maria Kantor-Lizuniec ist eine Botschafterin polnischer Kunst, die sie in vielen Teilender Welt gezeigt hat .Dieses "Amt" wird die Künstlerin behalten, wenngleich sie nunmehr ihren Wohnsitz in der Bundesrepublik gefunden hat" Die Worte - sie sei eine Botschafterin der polnischen Kunst - sind mir sehr wichtig, denn die Kunst verbindet die Menschen und Völker, schafft Brücken dort, wo uns auf den ersten Blick wirtschaftliche und politische Interessen trennen, überwindet Vorurteile. Das künstlerische Werk von Maria Kantor - Lizuniec ist ein gutes Beispiel dafür. Ihre Arbeiten bringen uns eine Welt näher, die für einen deutschen Durchschnittsbürger gänzlich unbekannt ist. Maria Kantor - Lizuniec absolvierte ihr Studium an der Krakauer Kunstakademie während des erbitterten ideologischen Kampfes zwischen den demokratischen und totalitären Strukturen. Die linken Intellektuellen in Polen sahen damals im Sozialismus die einmalige Chance, die alten Zöpfe abzuschneiden und eine neue Kunst für das Volk zu schaffen. Es entstanden künstlerische Programme, die sich offen zur Ideologie des marxistischen dialektischen Materialismus bekannten. In Krakau mit seiner Tradition, der Jagiellonen - Universität und der ältesten polnischen Kunstakademie war die Kunstszene differenzierter. Hier traten die Maler mehrheitlich für die Freiheit der Kunst ein. Der Kampf um die Richtung in der bildenden Kunst erreicht hier seinen Höhepunkt als Tadeusz Kantor, der führende Kopf der Unabhängigen, von der Akademie verwiesen wurde. Die Ereignisse beschreibt Maria Kantor in ihren Erinnerungen: "ich habe die Verbannung Tadeusz Kantors von der Akademie persönlich miterlebt, aber in der Tapisserie - Klasse Stefan Gutkowskis - wo ich damals studierte - war der politische Druck nicht so stark wie in anderen Fachbereichen". Die Auseinandersetzung endete erst nach dem Tauwetter mit dem ideellen Sieg der Unabhängigen. An die Krakauer Kunstakademie kam die Generation von Maria Kantor - Lizuniec. Zu den bekanntesten von ihnen gehörten die heute international anerkannten Maler und Bildhauer wie; Zdzislaw Beksinski (1929), Tadeuscz Dominik (1928), Jan Lebenstein (1930), Zbigniew Makowski (1930), Jacek Sempolinski (1927), Reimund Ziemski (1930).
Maria Kantor - Lizuniec sich nach ihrem Diplom jedoch gegen die akademische Laufbahn. Sie arbeitete als Designerin für die polnische Textilindustrie und unterhielt in Krakau eine Wandteppichmanufaktur. Hier entstanden die großformatigen handgeknöpften Wandobjekte, die ihren Ruf als Schöpferin von "malerischen" Gobelins weit über die Grenzen Polens getragen haben. Die Verhängung des Kriegszustandes im Dezember 81 unterbrach aber das gesamte kulturelle Leben in Polen und hatte auch weitreichende Konsequenzen für Maria Kantor - Lizuniec.Ihre in Deutschland geplante Ausstellung kam erst nach der Fürsprache des Ausstellungsleiters bei dem Regime zustande, Seit dem lebt und arbeitet sie in der Bundesrepublik. Sie kam hierher als eine international angesehene Künstlerin und konnte auf eine Reihe von Erfolgen zurückblicken. In zahlreichen Wettbewerben und Ausstellungen wurden ihre Gobelins und Bilder präsentiert und ausgezeichnet.
Im Umgang mit der Farbigkeit ist mir in Deutschland nichts Vergleichbares bekannt. Vielmehr kommen in ihren Arbeiten die Einflüsse der Kapisten - der polnischen Schule des Kolorismus zum Vorschein (Wyczólkowski, Slewinski, Cybis). Die ungewöhnliche technische Qualität ihrer Öl - und Acrylarbeiten entstand aber aus der Notlage, als eine schwere Entzündung der Handgelenke die Künstlerin zwang, ihre erfolgreiche Arbeit am Webstuhl aufzugeben. Aus Not machte sie Tugend, indem sie das dreidimensionale Raumgefühl ihrer Textilarbeiten auf die Tafelmalereiprojizierte. Mit lasierenden Farbschichtungen gelang es ihr hier, jene Raumkontraste und Verschiebungen der Raumebenen sichtbar zu machen, für die ihre Gobelins in aller Welt bekannt wurden.
Der zweite Grund, warum mich ihre Arbeiten beeindrucken ist die Art, wie sie die Botschaften ihrer Bilder mit der künstlerischen Form in Einklang bringt. Das Charakteristische für Maria Kantor - Lizuniec ist, dass die zentralen Aussagen ihrer Komposition formkongruent, also für jeden Betrachter leicht nachvollziehbar und gut lesbar sind. Dies trifft sowohl für die heiteren wie psychologisch anspruchsvollen Darstellungen zu.
In ihrem künstlerischen Programm richtet sich Maria Kantor - Lizuniec nicht nach politischen Prämissen oder jeweiligen Modeerscheinungen. Sie arbeitet nicht nach dem Geschmack des Publikums. Dennoch strahlen ihre Bilder eine enorme Anziehungskraft aus. Ihre Arbeiten strahlen eine auf reine Sinnlichkeit reduzierte Wahrnehmung aus, die aus der modernen westlichen Malerei fast gänzlich verschwunden ist. In der Gefühlswelt dieses Ausmaßes wird eine in sich ruhende - man möchte fast sagen konservierte - polnische Weltanschauung deutlich, die uns im ersten Augenblick etwas befremdet. Darin öffnet sich die Künstlerin dem Betrachter nicht zu einem rationalen Dialog über Politik und Weltgeschehen, sondern zu einem sinnlichen Tet-a-tet. In ihren Raumkompositionen stellt sie die kleinen, täglichen erlebbaren Freuden dar. Inspiriert von der Musik eines Chopin oder Mozart zeichnet sie Rhapsodien und Recitals auf. Beeindruckt vom Schauspiel der Naturgewalten bannt sie sinnliche, lichterfüllte Momentaufnahmen auf der Leinwand.
Dies ist die kleine Welt von Maria Kantor -Lizuniec, aber sie schottet sich nicht von der Außenwelt ab. An einer anderen Stelle spricht sie von den elementarsten Gefühlen der Menschen, die sie begegnet; von ihren Sehnsüchten und Ängsten. Und weil sie ausgesprochen sensibel auf das Leid reagiert, das die Menschen unverschuldet trifft, greift sie ohne den erhobenen Zeigefinger in das immerwährende Spiel zwischen Gut und Böse ein. Das in ihren letzten Arbeiten vielwerdende Blau steht hier stellvertretend für die Unschuld, aber auch für die Trauer über das Unaussprechliche, das sich um uns herum und in uns ereignet. Sinnliches erleben hat eben mit dem "sich Öffnen" gegenüber den Gefühlen jeder Art zu tun.


Krzysztof Ruminski

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